Das historische Rathaus von 1570
Rathaus von 1570
Das Kremper Rathaus zählt heute zu den bedeutendsten und schönsten Profanbauten der Backstein-Renaissance in Schleswig-Holstein. Es wurde 1570 in der wirtschaftlichen Blütezeit der Stadt neu erbaut und befindet sich dank verschiedener Restaurierungsvorhaben in einem guten Erhaltungszustand.
Die Schauseite zum Markt
Das zweigeschossige Gebäude wurde giebelständig und freistehend zwischen dem Marktplatz und der einst schiffbaren Kremper Au (heute verrohrt) auf einer Wurt errichtet. Seine hoch aufragende, reich gegliederte Südseite ist vollständig aus massiven Backsteinen im Klosterformat aufgemauert und als Schauseite dem Markt, dem Mittelpunkt der Stadt, zugewandt.
Für die damaligen Zwecke der Stadtverwaltung hätte es eines so großen Gebäudes nicht bedurft. Doch mit ihrem neuen Ratsgebäude wollten Rat und Bürger des wirtschaftlich prosperierenden und jüngst zur holsteinischen Landesfestung ausgebauten Krempe der gewachsenen Bedeutung ihres Ortes Ausdruck verleihen.
So kombinierten sie den verwaltungsbezogenen Raumbedarf
- mit der Schaffung einer großen Lagerhalle samt Lade-Zugang zur Kremper Au sowie
- mit einem Ratskeller zur Lagerung von Importbier und -wein samt einem Ausschank im Hochparterre darüber.
- Das Dachgeschoss und der Dachboden standen ebenfalls Lagerzwecken zur Verfügung.
Das Hauptgeschoss


Glasmalereien aus der Kaiserzeit (1908) schmücken ganzflächig die Fenster. Sie entstanden im Zuge der Renovierung von 1908. Ursprünglich hatte das Rathaus (nach Scherbenfunden) wohl klare Butzenscheiben und nur kleine bemalte Fensterscheiben.
Die Gruppierung der Fenteröffnungen spiegelt die Raumaufteilung des Stockwerks wieder:

- Hinter den beiden linken Fenstern befand sich der Versammlungs- und Festsaal. In der Anfangszeit nahm er vermutlich das gesamte, restliche Hauptgeschoss ein. In späterer Zeit wurden immer wieder - entsprechend den veränderten Anforderungen der Verwaltung - Veränderungen in der Raumaufteilung vorgenommen.
Der Saal wurde für Tanzvergnügen, Feierlichkeiten und Volksversammlungen genutzt. - Heute tagt hier die Ratsversammlung der Stadt, auch können dort kleine Gesellschaften veranstaltet werden.
Das Erdgeschoss
Vom Marktplatz aus konnte man damals nur den Ratskeller betreten, während der Zugang zum Rathaus selbst von der Reichenstraße aus erfolgte oder vom Ladetor an der Nordseite. Im Zuge der vereinfachenden Rathaussanierung im Jahre 1784 wurde der Kellereingang jedoch vermauert und erst 1908 wiederentdeckt. Er wurde nicht wieder eröffnet, da es dafür keinen Bedarf mehr gab und stattdessen als Nische mit Sandsteinbank hergerichtet.
Das heutige Eingangsportal im Parterre verrät seine spätere Entstehung durch die geschwungene Türform. Es stammt aus der Renovierungsphase im ausgehenden 18. Jahrhundert, als das Barock die maßgebliche Kunstrichtung war. Damals wurde das linke Fenster der einstigen Stadtkämmerei ausgebrochen und zum neuen Eingang erweitert.
Die beiden Löwenfiguren zu Füßen des Portals sind nicht originär. Sie wurden vom früheren Eingangstor der "königlich-privilegierten Apotheke" (Breite Straße) hierher verlegt, als deren Eingang in die Reichenstraße verlegt wurde.


Über der Sitznische zeigt ein in die Wand eingelassener Doppelwappenstein die Insignien der Landesherrschaft und das Stadtwappen. (Klick=Vergrößerung) Er stammt aus der Gründungszeit des Rathauses. Die Jahreszahl des Rathausbaus (1570) ist darüber dokumentiert.
Giebel und Dach

Ursprünglich hatte das Rathaus einen Renaissance-typischen Stufengiebel mit Sandsteinschmuck. Von diesem gibt es leider keine zeitgenössische Darstellung. Lediglich die stilisierte Wiedergabe in der Städteansicht Krempes von 1584 erlaubt einen gewissen Eindruck von seinem einstigen Aussehen.
Aus den Akten zur Renovierung von 1784 ist bekannt, dass die Giebelstufen mit "steinernem Zierrat" versehen waren und dass sie in den Teilen, die die Dachhaut überragten, "Höhlungen" (= Windlöcher?) enthielten.
Im Zuge der vereinfachenden Renovierung von 1784 wurde der von der Witterung beeinträchtigte Treppengiebel entfernt. So entstand die begradigte Dachschräge.
Das Dach selbst war anfangs mit genagelten, "grauen Fliesen" gedeckt. Undicht geworden wurde es nun mit roten Ziegeln neu eingedeckt.
Anstelle der Stufenzier wurde dem First ein Dachreiter mit geschwungener, spitz auslaufender Haube aufgesetzt, der noch heute weithin sichtbar die Silhouette der Stadt prägt. Der achteckige Turmkörper ist mit schwarzen Schindeln verkleidet und endet in einer umlaufenden Fensterfront, die einen weiten Rundblick über die Elbmarschen erlaubt. Das karniesförmige Kupferdach wird gekrönt von einer Spitze mit Kugel (plattd.: "Tinnappel") und Wetterfahne.


Versuchen Sie es selbst, klicken Sie auf die Bilder.
Vertiefende und weiterführende Literatur:
- Klaus-J. Lorenzen-Schmidt, Geschichte der Stadt Krempe im Überblick, in: Kremper Chronik, Heide, 2009
- Klaus-J. Lorenzen-Schmidt, Das Kremper Rathaus als Gaststätte, in: Steinburger Jahrbuch 1999, S. 117 – 129
- Hermann Ruhe, Das Rathaus in Krempe, Krempe, 1925